Zeitung lesen
Knaupps Kolumnen

Bitte nicht noch ein Weihnachtslied

Jetzt ist also diese besondere Zeit angebrochen. Die Zeit der Ruhe und der Besinnung. Die Zeit der Vorfreude, der Gemütlichkeit und der Stille. Na ja, das mit der Stille stimmt dann wohl doch nicht. Von Jahr zu Jahr, wird die deutsche Weihnacht immer amerikanischer. Eine Fahrt in einen dieser Mega-Konsumtempel zeigt es deutlich - zuviel Weihnachtsstimmung kann den Ohren schmerzen und dem Gehirn Schaden zufügen.
Schon am Eingang steht ein angedroschener Kinderschreck mit Bart und Rute, der den ankommenden Einkäufern sein glühweinseeliges „Hohoho" entgegenbrüllt. Während man durch die Drehtür geschoben wird, sollte man noch einmal die Stille genießen. Beim Rausstolpern aus derselben dröhnen einem achtunddreißig verschiedene Weihnachtslieder mit tausenden Watt ins Gehirn. Nach einem kurzen Hörsturz bekommen die Augen dann ihre Schocktherapie. Bunte Lichter soweit die Augen reichen. Es blinkt und flimmert einfarbig, zweifarbig und in ultra-color. Dieses Seherlebnis, gepaart mit dem Lauschangriff, macht den Vergleich mit einer Geisterbahn nicht abwegig. Dann läßt man sich durch die Reihen schieben.
Es geht vorbei an bunten Auslagen und an Verkäufern, die mit ihren Stimmen versuchen das Weihnachtsgedudel zu übertönen. Das Warenangebot ist der nächste Schlag ins Gesicht. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Staubsauger mit Rückwärtsgang, blinkende Toilettenbrillen, Stoffhündchen nach Pittbull-Vorbild, Kondome mit Nikolausmützen und, und, und ... Gezieltes Geschenkesuchen ist fast unmöglich. Eigentlich wollte man ja auch nur so ein bißchen bummeln, sich etwas Weihnachtsstimmung und ein paar Anregungen holen. Doch irgendwie kommt man sich vor wie auf einer Kaufrauschrolltreppe. Es wird gedrängelt, geschubst, geschoben, und zwischendurch fliegen einem Mandarinenbeutel von Marktschreiern um die Ohren. Und die Gerüche. Eigentlich mag ich den Geruch von Bratäpfeln, Pfannkuchen, Nüssen, Glühwein, Kartoffelpuffern - aber nicht auf einmal und nicht in geschlossenen Räumen. Das löst bei mir keine Weihnachtseuphorie aus. Eher steigt der Brechreizpegel.
Eine ältere Dame zerreißt sich gerade ihre Strumpfhose an einer Plastiktannen. Ein Kinderwagen kollidiert mit einem Papp-Nikolaus, und eine verzweifelt aussehende junge Frau versucht, sich Glühweinflecken aus dem Rock zu reiben. Einem graumelierten Geschäftsmann bleibt die Oberschale seiner Zahnprothese in einem kandierten Apfel stecken, und einem gestreßten Animationsengel rutscht gerade die Goldlockenperücke über die Augen. Vor den Erlebnistoiletten stehen Schlangen von Menschen, die durch verbissene Gesichter, ihren Notdurftgefühlen Ausdruck verleihen.
Doch da hinten, ganz da hinten schimmert die Erlösung. Der Ausgang. Bevor man diesen erreicht, wird man schnell noch einmal von einem mannshohen Stoff-Elch mit „Fröhliche Weihnachten" erschreckt. Geschafft und fertig gehts schnell zum fahrbaren Untersatz. Vorbei an all den armen Seelen, die in großer Verzweiflung und bis an die Zähne mit Plastiktüten dekoriert versuchen, ihren Parkplatz wiederzufinden. Rein ins Auto, Tür zu, Ruhe. Nachdem es aufgehört hat, in den Ohren zu piepen, kommt der Reflexgriff zum Autoradio. Ein Zucken geht durch den Körper und der Finger schießt auf die Aus-Taste. Bitte nicht noch ein Weihnachtslied.