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Knaupps Kolumnen

Brechreiz

Brechreiz
Was haben wir vor Jahren schon gezetert, geschimpft und gemeckert - und konnten uns nicht vorstellen, daß es so weitergehen könnte. Doch es ging weiter. Mal etwas höher, dann wieder ein bißchen nach unten, nun geht es rapide bergauf. Nein, ich meine hier nicht den wirtschaftlichen Aufschwung, ich meine die erneute Eskalation beim Ölpreis und die damit verbundenen Teuerungen in den verschiedenen Bereichen. Gravierend und überdeutlich ist neben dem Blick auf die Heizölrechnung natürlich der zwanghafte Besuch an deutschen Tankstellen. Verspürte man schon des öfteren hier ein Unwohlsein, erzeugt der Blick auf die Preisanzeige der Zapfsäule mittlerweile Brechreiz. Nun sollte man aber nicht gleich denken, daß der Tankwart von nebenan sich eine goldene Nase verdient. Die Tankstellenpächter oder die Betreiber freier Tankstellen werden genauso zur Kasse gebeten. Sie sind letztendlich vom Einkaufspreis abhängig - und diesen Preis bestimmen andere.
Wer hat also Schuld an dieser Preistreiberei? Die Ölmultis etwa? Glaubt man den Sprechern der Mineralölriesen, haben die fast gar nichts damit zu tun. Vielmehr sind die eher traurig, schließlich gehen irgendwann die angebohrten Ressourcen zur Neige. Nein, liebe Leserschaft, Sie müssen jetzt nicht gleich in Mitleid verfallen. Die verdienen natürlich trotzdem noch ein bißchen daran - zum Leben wird's wohl reichen.
Warum Rohöl teurer wird? Da haben die Sprecher der Ölkonzerne immer wieder neue Argumente. Im Sommer 2005 war wohl der Hurrikan „Katrina" schuld an den Preiserhöhungen, dann wurde auf einen Rückgang der Lagervorräte in den USA verwiesen, zwischendurch hatte der DAX in Zusammenarbeit mit dem europäischen Ölmarkt seine Hand im Spiel, der schwache Dollar und ein Anschlag auf eine Pipeline im Jemen ließ den Preis steigen - mittlerweile soll der wachsende Energiehunger Chinas und Indiens verantwortlich sein. China dürfte in ca. 2 Jahren die USA als weltgrößter Energieverbraucher abgelöst haben. Natürlich wandeln die Ölmultis wachsende Nachfrage in bare Münze um, nutzen die Gelegenheit, die Preisschraube anzuziehen. Warum jetzt aber die Inder und Chinesen gerade vor deutschen Feiertagen, in der Ferienzeit oder vor verlängerten Wochenenden mehr Rohöl benötigen, bleibt wohl ein Geheimnis. Fakt ist, Öl wird knapp und immer teurer - und wir sind der Preistreiberei wehrlos ausgeliefert.
Wehrlos? Eigentlich nicht - wenn der Staat, ich meine unsere Regierung, hier eingreifen würde, gäbe es sicherlich Möglichkeiten, den steigenden Preisen entgegen zu wirken. Wahrscheinlich nicht auf dem Weltmarkt, ganz sicher aber im kleinen deutschlandweiten Rahmen. Aber der Staat greift nicht ein. Warum auch? Er verdient schließlich richtig gut mit. Da wären die gewinnbringenden Abgaben: Mineralölsteuer, Ökosteuer und der Erdölbevorratungsbeitrag - alle werden pro Liter berechnet. Dazu kommt die Mehrwertsteuer von 19%, die natürlich auch im Verkaufspreis von Tankstellen enthalten ist. Steigt der Verkaufspreis, steigt natürlich auch hier die staatliche Einnahme. Beispiel: Bei einem Preis von 1,40 Euro pro Liter Benzin gehen 88,3 Cent in die Staatskasse. Bei Diesel sind es ca. 19 Cent weniger, da die Mineralölsteuer niedriger ist. Trotzdem gehen bei 1,15 Euro für Dieselkraftstoff immer noch 65,8 Cent an den Staat. Kein schlechter Schnitt. Erst recht, wenn wie im Moment, die hier angegebenen Literpreise längst überschritten sind. Heute Morgen (11.11.07) kostete der Liter Benzin 1,49 Euro!!!
Warum also eingreifen? Auch das Bundeskartellamt, der staatliche Wächter über wirtschaftlichen Wettbewerb, hat es bis heute noch nicht geschafft, die oben benannte zeit- und preisidentische Anhebung der Spritpreise zu Feiertagen, Ferien, etc. zu prüfen. Auch wenn jeder Laie diesen Preisruck als Absprache unter den verschiedenen Anbietern aus der Mineralölwirtschaft empfindet - dem Kartellamt scheint hier noch nichts aufgefallen zu sein. Warum auch? Der Staat verdient gut mit.
Aber ich will hier gar nicht meckern. Das Bundesfinanzministerium hat jetzt ja eine gute Nachricht verkündet. Die Steuereinnahmen fallen in diesem Jahr um 4,9 Milliarden höher aus als erwartet. Erwartet wurden, laut dem „Arbeitskreis Steuerschätzung", 514 Milliarden Euro. Die Steuereinnahmen 2007: 518,9 Milliarden Euro. Nicht schlecht, was!?
Doch machen Sie sich jetzt bloß noch keine Hoffnung - es geht uns Schuldnern (Schuldenlast: 1500 Milliarden) noch lange nicht so gut, daß kostenreduzierende Maßnahmen verabschiedet werden könnten. Und glauben Sie, wenn die Staatsschulden irgendwann getilgt wären, daß es dann eventuell zu einer Steuersenkung käme? Ja! Glauben Sie auch, daß Zitronenfalter Zitronen falten? Bleiben sie lieber skeptisch. Denn eines haben Ölmultis, Großkonzerne, Lobbyisten und Staatshaushalte gemeinsam - sie trennen sich nicht freiwillig von guten Einnahmequellen. Uns Verbrauchern bleibt sicherlich auch eine Gemeinsamkeit erhalten - der Brechreiz.