Zeitung lesen
Knaupps Kolumnen

... nur fast!

... nur fast!

Na, haben Sie es schon bemerkt, wir befinden uns mitten im Sommerloch. Ja, ich weiß, das bemerkt man mittlerweile nicht mehr so richtig. Früher war im sogenannten Sommerloch nicht viel los. Nur ein paar lapidare Schlagzeilen in einschlägigen Gazetten gaukelten ein normalchaotisches Alltagsleben vor. Da konnte man Fotos von Reinhold Messners zehenlosen nackten Füßen bewundern, da wurden Promis in peinlichen Situationen abgelichtet, und man wurde auf eine Invasion aus dem All vorbereitet. Da wurde man informiert, daß ein kampflustiger Hund der Rasse „Chihuahua" ein Rentnerehepaar zerfleischt hat, daß die Deutschen den Weltrekord im Biertrinken halten - im sexuellen Lotterbett hingegen nichts weltbewegendes abliefe. Oder es wurde mal wieder eine nichtssagende Bevölkerungsumfrage ersonnen, deren Ergebnis dann niemanden interessierte. Das waren aber eben die typischen Sommerlochfüller.
Aber diese geistlose Gehirnzementierung war ja auch nicht jedem recht. Manch einer vermutete sogar, hinter vorgehaltener Hand natürlich, daß uns Wirtschaft und Politik in den Sommermonaten mit Schandtaten verschonen wollten, bzw. eine Informationssperre zur allgemeinen Volksberuhigung verhängten. Die mediale Sommerlethargie brachte uns dazu, daß man sich nach den gewohnten Nachrichtenklatschern sehnte, die es einem möglich machten, der Verblödungskultur zu entkommen oder Anlaß gaben, sich wenigstens mal wieder richtig aufzuregen.
Und genau auf diese Nachfrage hat sich jetzt auch das Angebot umorientiert. Jetzt wird uns auch in den Sommermonaten der fette Infolappen um die Backen gehauen.
Zum Beispiel: Das „Vattenfall-Fiasko". Gefahr durch marode Atomkraftwerke, schlechte Sicherheitsvorkehrungen, die Verschleppung dringender Reparaturen, verharmlosende Störfallberichte, Verschleierung der desolaten Kraftwerkszustände, mangelnde Atomaufsicht und Sicherheitsüberprüfungen seitens der Regierung und unabhängigen Gutachtern. Ja, nach diesen Nachrichten gewinnt der wahlpolitisch abgedroschene Slogan „Strahlend wird die Zukunft sein" irgendwie eine neue Bedeutung.
Ganz hoch auf der Nachrichtenskala stehen zur Zeit auch die Preiserhöhungen. Die Preise für Milch- und Molkereiprodukte ziehen drastisch an. Milch, Butter, Quark, Käse, Joghurt, usw. werden wohl bis zu 40 % mehr kosten. Die Rohstoffknappheit auf dem Weltmarkt wäre Schuld an diesem Preisruck. Um die Branchenriesen, die mit diesen Produkten richtig Geld verdienen, brauchen Sie sich jetzt aber keine zu Sorgen machen. Die kommen mit den Mehreinnahmen schon klar. Bei den kleineren Milchproduzenten und Zulieferern, die auf die Produktabnahme durch die großen Unternehmen angewiesen sind, wird wohl nichts hängenbleiben. Die werden weiterhin die vorgegebenen Abnahmepreise akzeptieren müssen.
Und in diesem Stil der Informationspräsentation geht es weiter. Die Deutsche Bundesbahn und die BVG basteln an den Ticketpreisen, die Post erwägt eine Portoerhöhung, die Energiekonzerne planen eine Erhöhung der Stromtarife, die Preise für Stahl, Kupfer, Kunststoff, Kraftstoff, Farben, Lacke, Lichtschutzmittel, usw. drehen sich auf der Preisspirale weiter nach oben. Wenn man den entschuldigenden Worten der eigentlichen Nutznießer glauben schenken würde, täten sie einem fast schon leid. Aber eben nur fast.