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Knaupps Kolumnen

Keine Panik, wir leben ja noch!

Keine Panik, wir leben ja noch!

Heute möchte ich Ihnen mal gratulieren. Ja, Sie meine ich. Aber eigentlich müßte ich uns allen gratulieren. Warum? Na, nun tun Sie doch nicht so, als wenn Sie das nicht wüßten. Sie gehören doch, genau wie ich, auch zu den Überlebenden. Wir alle leben in einer Welt voller Gefahren, voller heimtückischer Feinde und widriger Lebensbedingungen. Lebensbedingungen, die unser aller Gesundheit bedrohen. Gut, das wissen Sie schon lange, aber haben Sie mal zusammengerechnet, mit wie vielen Geißeln wir in den letzten Jahren medial bombardiert worden sind? Man gewinnt ja den Eindruck, daß da irgendwo ein Nachrichtenterrorist sitzt, der einen wöchentlichen Abgabetermin für Hiobsbotschaften einhalten muß.
Ich habe mich mal wieder für Sie geopfert, ich habe für Sie bis zum Übelwerden recherchiert. Hier kurz eine Zusammenfassung von Schlagzeilen, die in den letzten Jahren bei der Öffentlichkeit mehr als nur ein flaues Gefühl in der Magengrube hinterlassen haben. Aber erst mal keine Panik, wir leben ja noch!
Ganz oben auf der schwarzen Nachrichtenliste stehen Nahrungsmittel. Früher hat man diese Dinge in den Mund gesteckt, um zu überleben. Heute könnte man in Gefahr laufen, daran zu sterben. Mittlerweile sind wohl mehr Gifte als Vitamine in unserem Essen. Pestizide auf Obst und Gemüse, krebserregendes Acrylamid in Kartoffelchips und Pommes Frites, allergieauslösendes Gen-Soja in Babynahrung, hochgiftige Färbemittel in Gewürzen, giftige Substanzen in Olivenöl, knochenmarksschädigendes Chloramphenicol in Shrimps, die Darmschleimhaut zerstörende Bakterien in Käse und Butter, Unkrautvernichtungsmittel im Getreide. Mittlerweile wissen wir ja auch alle, daß BIO nicht gleich BIO ist. Aber erst mal keine Panik, wir leben ja noch!
Was aber natürlich toll ist: unsere Lebensmittel halten sich super lange. Konservierungsstoffe und Nahrungszusätze sind da wahre Zaubermittel. Obwohl ja der Nahrungszusatz Nummer 1 - also dieses Glutamat, in einer gewissen Konzentration als Nervengift wirkt. Aber erst mal keine Panik, wir leben ja noch!
Das mit den fleischlichen Nahrungsgelüsten ist auch nicht mehr so einfach. Seit Jahren zeigt uns die geknechtete Tierwelt ganz klar, daß sie am längeren Hebel sitzt. Als Rache der unterdrückten Kreatur schickte die uns den Rinderwahn und die Schweinepest. Eine alljährliche Salmonellenattacke unterwandert ein eventuell aufkommendes Sicherheitsgefühl, und die Kamikazeeinheiten mit der Geflügelgrippe-Bombe hielten das Land in Atem. Und wenn mal gerade nichts Verseuchtes in den Kühlregalen liegt, wird ganz schnell Abhilfe geschaffen. Überlagertes Hackfleisch wird umetikettiert, aus Gammelfleisch wird Wurst gemacht, bakteriell verseuchter Räucherlachs wird vakuumverpackt. Aber erst mal keine Panik, wir leben ja noch!
Jetzt könnte man ja sagen „Na, dann esse ich weniger und trinke dafür mehr." Auch keine gute Idee. Benzol und gesundheitsschädigende Hormone in Fruchtsäften, uranbelastetes Mineralwasser, Chemikalien in Gemüsesäften und Glyzerin im Wein - soll wohl auch nicht wirklich gesund sein. Zum Glück hat noch keiner ein gesundheitliches Defizit am deutschen Reinheitsgebot entdeckt. Ach so, das mit den Schnäpsen ist auch so eine Sache. Manche machen blind, andere eine dicke Leber. Aber erst mal keine Panik, wir leben ja noch!
So, da staunen Sie über das Ausmaß der Misere. Fakt ist aber, wir wurden alle nachrichtentechnisch informiert. Soll keiner hinterher sagen, er hätte das nicht gewußt. Jetzt liegt es bei jedem selbst, sich zu schützen. Und so schwer kann das ja nicht sein.
Ich will Ihnen hier auch keine Angst machen. Ich möchte nur, daß Sie ein bißchen auf sich aufpassen. Vielleicht stellen Sie Ihren bisherigen Lebenswandel etwas um. Ich meine ja nur, was die Nahrungsaufnahme betrifft. Na ja, mit den Getränken sollten Sie wohl auch etwas vorsichtiger sein. Das Rauchen wird eh bald verboten, wegen der Gefahr für Herz, Lunge und die Spermazoten. Das mit den Spermazoten gilt aber nur für Männer.
Ach so, es wäre wohl besser, Sie blieben jetzt auch häufiger zu Hause. Das Ozonloch wird schließlich auch nicht kleiner. Grillen, Lagerfeuer und tief einatmen sollten Sie nach Möglichkeit auch vermeiden - Sie wissen schon: der Feinstaub. Aber sonst können Sie so weiterleben wie bisher. Sie sollten bloß noch das Telefonieren mit dem Handy einstellen, die Strahlungen aus den Geräten sind nicht gesundheitsbegünstigend. Die Aufführungen der Nebenwirkungen auf den Packungsbeilagen von Medikamenten sollte Sie auch etwas besser lesen. Und vielleicht sollten Sie nicht so viel mit dem Fahrrad fahren. Das verursacht Hodenkrebs. Jedenfalls bei Männern. Was das Radfahren bei Frauen auslöst, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Gesund wird es wohl auch da nicht sein.
Aber erst mal keine Panik, wir leben ja noch!