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Knaupps Kolumnen

Tage gibt es ...

Tage gibt es ...

Ja wirklich, an manchen Tagen läuft so einiges merkwürdig. Ich habe gerade so einen Tag hinter mir.
Zur Einleitung: Ich bin morgens nicht der Schnellste. Erst recht nicht, wenn die Nacht viel zu kurz war. Und das ist sie eigentlich immer. Unser Sohn kommt in dieser Beziehung wohl nach mir. Oder besser gesagt, er übertrumpft mich sogar in Sachen Gemächlichkeit um Längen. Ich kann es ja verstehen, daß man früh noch schnell in Büchern blättern muß oder auch den Rennwagen auf die Spielzeugpiste schiebt - aber eigentlich drängt ja die Uhr. Nun haben wir aber das Glück, den Morgen etwas lockerer anzugehen, daß heißt, vor 8.45 Uhr verlassen wir beide selten das Haus. Und trotzdem versinkt die letzte Viertelstunde vor dem fluchtartigem Verlassen unseres Domizils im hektischen Chaos.
So auch letzten Dienstag. Nachdem unser weiblicher Familienpart leider schon weit vor uns in Richtung Arbeit entschwinden muß, kommen wir auch langsam in die Puschen. Nach Duschen, Anziehen, Frühstück, Zähneputzen, Eincremen, mit den Rittern spielen, Kindergartenrucksack und Handy suchen, Spielzeug aus dem Rucksack entfernen, Brotbüchse hineinstecken usw. usw. - müssen wir dann nur noch Schuhe anziehen, und es könnte losgehen. Wir beide stehen am Auto, und ich habe meine Brieftasche im Haus vergessen. Kind in den Kindersitz, zur Beruhigung einen Kaugummi ins Mäulchen gesteckt und schnell wieder zurückgestiefelt. Schuhe aus, lange Schritte in die Küche, Brieftasche geschnappt und - im Augenwinkel das Glas mit der aufgelösten Vitamintablette erspäht. Diese Vitamintabletten dürften ja allgemein bekannt sein. Das sind die Dinger, die es in den Einkaufsmärkten gibt, und die nach Auflösen im Wasserglas dem Glas auch gleich noch einen kräftige orange Farbe verleihen. Wenn man in Eile so ein Glas zu sich nimmt, kann es schon mal passieren, daß man die kräftig orange Farbe um den kompletten Mund zu kleben hat. Da man in streßgeladenen Situationen aber meist nicht an solch banale Dinge denkt, rennt man eben wie ein Indianer auf dem Kriegspfad aus dem Haus. Und genau das ist mir passiert. Unserem Sohn war die Verfärbung meiner Bartzone relativ egal. Er sagte kein Wort. Auch der kurze Morgengruß mit Schwiegermutter und Uroma blieb ohne Reaktion auf eventuelle Gesichtsentstellungen. In der Kita, bei einem kurzen Gespräch mit der Musikpädagogin, kam mir nichts merkwürdig vor. Ob ihr etwas auffiel, weiß ich nicht genau. Um es kurz zu machen: Es folgte ein kurzer Plausch mit einer Kinderbetreuerin, ich war in einer Bank, traf einen Freund, unterhielt mich mit zwei Geschäftspartnern - und alles war wie immer. Außer daß sich eben ein oranger Ring um meinen Mund zog. Gegen Mittag warf ich dann aus verkehrstechnischen Gründen einen Blick in den Rückspiegel. Für einige Sekunden glaubte ich an eine Sehschwäche. Doch nach dem zweiten Blick war klar, ich rannte seit Stunden mit dem Vitaminrückstand um die Gusche durch die Gegend.
Nun ist an so einer Geschichte ja nichts Weltbewegendes. Trotzdem macht sie mich nachdenklich. Nicht die Tatsache, daß wir mal wieder auf dem letzten Pfiff vom Hof geschossen sind. Das gehört ja zu unserer Normalität. Aber die Tatsache, daß ich mit einer orangen Gesichtsverzierung mit mindestens acht Menschen im Gespräch war, und keiner auch nur die kleinste Bemerkung darüber verlor, gibt mir doch zu denken. Ist denn keinem etwas aufgefallen? Wurde aus Rücksicht auf meine Person der farbige Makel einfach totgeschwiegen? Oder sehe ich morgens vielleicht immer etwas eigenartig aus, so daß dieser Tag keine Besonderheit darstellte?!
Wie auch immer, ab jetzt wird ein prüfender Blick in den Spiegel zu meinem festen Morgenritual gehören.