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Knaupps Kolumnen

Ungemütlich

Ungemütlich

Jetzt ist es wieder soweit. Der erste Schnee ist schon gefallen, und die Herbststürme peitschen durch die Straßen. Es wird wieder kalt und ungemütlich. Vorbei die Zeit der Grillpartys, der Schweißausbrüche, der Sonnenbrände und Mückenplagen. Dabei war der Sommer so schön. Das Wetter und die lauen Sommerabende hatten nicht nur den Vorteil, daß man sich mehr im Freien aufhielt. Man entkam auch der Fernbedienung und somit der allgegenwärtigen TV-Gülle inclusive Horror-Nachrichten.
Bei den derzeitigen meteorologischen Perspektiven besteht ein erhöhtes Risiko, einen Abend in die sogenannten TV-Landschaften auszuwandern. Eine Reise, die schnell zum Irrsinns-Trip werden kann. Merkwürdige Menschen und unglaubliche Geschichten erwarten den GEZ-Pauschaltouristen.
Ein ältergewordener Machobarde flüchtet sich mit seinen Memoiren in pubertäre Sexträume, und läßt uns leider auf fast allen Kanälen daran teilhaben. RTL organisiert ein sogenanntes Promi-Boxen, bei dem sich angebliche Berühmtheiten auf Silikonbrüste und Waschbrettbäuche kloppen.
Zwischendurch gibt es Musiksendungen, in denen zusammengewürfelte Popgrüppchen gute alte Songs covern und damit unhörbar machen.
Auch die alljährlichen Spendenaktionen kommen wieder ins Rollen. In bunten Fernsehshows, wird bei Schlager- und Volksmusik ein Spendenkonto mit den Geldern mildtätiger Zuschauer gefüllt. In tränenreichen Abschiedsworten danken Prominente dann der geneigten TV-Gesellschaft. Alles natürlich zu guten und wichtigen Zwecken. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, daß die Fernsehproduzenten einiges von der Politik übernommen haben. Hier sammeln die mit der dicken Geldbörse, bei denen mit dem schmalen Portemonnaie. Ab und zu kommt dann auch mal ein Betrag von einem netten Publikumsliebling, den er aber schnell von der Steuer absetzt und in zwei Tagen durch seine Zinseszinsen wieder auf dem Konto hat.
Bei meiner letzten Fernsehausschweifung habe ich mich dabei erwischt, daß ich heimlich die Werbepause herbeigesehnt habe. Doch je später der Abend wird, um so merkwürdiger werden auch die Werbespots. Dicke, dünne, alte, junge, leichtbekleidete und nackte Damen stöhnen mir entgegen. Eine furchterregende Tante in Lackstiefeln schreit: „Ruf mich an".
Zwischendurch dann die realen Nachrichten, die noch unrealer erscheinen. Terror auf Bali und in Moskau, Heckenschützen, Kindermörder, Kriege und Kriegsvorbereitungen - der tägliche Wahnsinn eben.
Es reicht. Die Kiste aus und rauf auf den Balkon - zum Rauchen. Es regnet, es ist kalt und es ist dunkel. Aber es ist gemütlicher als vor dem Fernseher.