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Knaupps Kolumnen

Arbeit für alle!

Arbeit für alle!

Der Bundeskanzler hat auf einem seiner Wahlplakate zu stehen: „Das Ziel meiner Arbeit ist, daß alle Arbeit haben." Dabei dürfte die Arbeitsbeschaffung doch eigentlich kein Problem darstellen. Die Stellenmärkte in den Kleinanzeigenteilen der Zeitungen sind voll von lukrativen Angeboten. Mann oder Frau muß nur zugreifen. Wenn ich Zeit hätte - ich würde mir eine goldene Nase verdienen. Leider bin ich keine „Junggebliebene Dame, für idealen Nebenverdienst". Was steht da noch? „Füllen von Wundertüten, Verdienst 1800,- Euro". Das grenzt wirklich schon an ein Wunder. „Bis 3000,- Euro/mtl. als Testperson für Kosmetik, Einkauf etc.". Da rufe ich mal an. Eine junge Dame vom Informationsband erklärt mir, daß ich ohne Arbeitsaufwand mehrere 1000,- Euro im Monat verdiene. Ich könnte als Testurlauber ferne Länder bereisen, als Testleser in den neuesten Büchern schmöckern, als Testhörer die aktuellesten CDs bekommen oder als Testeinkäufer neue Produkte in meinen Einkaufskorb packen. Alles umsonst! Auch die Pharmaindustrie sucht immer wieder neue Tester. Immer wieder neue? Wo sind die alten? Verstorben? Na ja, jeder Job hat eben auch seine nicht so schönen Seiten. Wenn ich mich für eines dieser lukrativen Angebote interessiere, bräuchte ich nur die Nummer 0190............. zu wählen, und ein Serviceteam würde mich individuell beraten. Das möchte ich dann doch nicht. Irgendjemand hat auch mal gesagt, daß diese langen Telefonnummern wohl sehr teuer wären. Vielleicht müßte ich auf diesem Wege dann gleich meinen Testurlaub bezahlen. Also lese ich weiter. Hier verdient eine „ehem. Sekretärin, 4620,- Euro/mtl.". Schade das ich keine Sekretärin bin. „3000,- Euro für Kugelschreiber-Montg.". Nee, dafür sind meine Finger zu dick. Gibt es nicht was Einfacheres? „Für einen Film in Spanien, Frauen und Männer mit Sportkenntnissen gesucht". Sport ist nicht so mein Ding, und wer weiß schon, was das für ein Film werden soll. Jetzt bietet jemand ein „lukratives Zusatzeinkommen". Anrufen, und - ich habe den jugendlichen Sohn am Hörer. Er wüßte zwar nicht, womit seine Eltern ihr Geld verdienen, es wäre aber sehr einfach und eben irre lukrativ. Ich solle doch meine Adresse hinterlassen, dann würden seine Eltern mich besuchen kommen. Darauf habe ich nun gar keine Lust. Und was sind das eigentlich für Familienverhältnisse, bei denen der Sohn nicht weiß, wie seine Eltern die Lebenserhaltung bewerkstelligen? Also aufgelegt und weiter in den Stellenangeboten gestöbert.
Hier fragt mich einer „Gefällt ihnen Ihr Kontostand?". So eine blöde Frage, den rufe ich nicht an. Etwas weiter unten werden „Gut bezahlte Beifahrer gesucht". Also beifahren kann ich ganz gut. Würde mir aber auf Dauer wohl zu langweilig werden. Dann kommt`s! „Samenspender von Samenbank gesucht. Pro Spende EUR 100,-". Anruf - und plötzlich bin ich in einer Vermittlungszentrale. Die süßlich lispelnde Dame verbindet mich umgehend mit der Samenspende-Hotline. Jetzt kenne ich nicht mal mehr die Telefonnummer und weiß nicht was dieser Anruf mich kostet. Im ersten Moment denke ich, ich spreche mit Rudolf Scharping. Eine ruhige, sonore, männliche Stimme bedankt sich für meinen Anruf. Dann erklärt er mir ganz ganz langsam, daß ich eine leichte Art Geld zu verdienen gewählt hätte. Auch mein Samen würde gebraucht. Er würde mir auch gleich erzählen, wie die Formalitäten zu erledigen sind. Zum Schluß gäbe es dann noch praktische Tips in Sachen Spendeverrichtung. Aber eben alles ganz ganz langsam. Die praktischen Tips höre ich mir nicht mehr an und lege auf. So ganz ganz langsam dauert es mir zu lange. Ich weiß ja nicht, in welcher Höhe die nächste Telefonrechnung auf mich zukommt.
Aber sonst hat sich meine Stellenangebotsstudie doch gelohnt. Ich könnte so einfach mein Geld verdienen. Hätte ich Zeit, würde ich vielleicht 4 x jährlich in den Testurlaub fahren, dort am Strand meine Testbücher lesen, zwischendurch meine Test-CDs hören und im Krankheitsfall mein Testmedikamente einnehmen. In den wenigen Wochen in denen ich dann zu Hause wäre, könnte ich durch Tüten kleben, Kugelschreiber montieren und lukrative Zusatzeinkommen meinen Kontostand ins Unermeßliche treiben. Ich hätte dann soviel Geld, daß ich eigene Filme in Spanien drehen würde. Die obengenannte ehem. Sekretärin wäre eine Kleinstverdienerin gegen mich, da ich ja sogar als Beifahrer die dicke Marie verdiente. Wenn ich zwischen Urlaub und Geld stapeln noch Zeit hätte, könnte ich ja ab und zu mein Dingsbums spenden - natürlich nur zur Taschengeldaufbesserung. Leider habe ich aber keine Zeit. Aber sicher ist, es gibt sie, die - Arbeit für alle.