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Knaupps Kolumnen

Vergessen

Vergessen

Ja, ich bin vergeßlich. Oft in Gedanken und daher manchmal etwas zerstreut. Das geht schon früh los.
Wenn ich auf der Schwelle unserer Wohnung stehe, stürmen fast immer die selben Fragen auf mich ein. Also habe ich mir angewöhnt, bevor ich aus dem Haus gehe eine Checkliste abzuarbeiten. Erst wird nachgeschaut, ob der Herd ausgeschaltet ist. Der Herdinspektion folgt die des Wasserkochers, der Beleuchtung und der Wasserhähne. Damit ist die Wohnung gesichert. Wenn ich danach glücklich am Auto angelangt bin, habe ich oft schon vergessen, ob ich die Haustür abgeschlossen habe. Also wieder zurück und die Testschließung durchgeführt. Ein ähnliches Spiel wiederholt sich beim Verlassen des Büros.
Ich habe auch schon Geburtstage, meine EC-Kartennummer oder die Namen mir weitläufig bekannter Personen vergessen. Richtig blöd wird es dann, wenn mich „wildfremde" Leute ansprechen und mir das Gefühl geben, wir würden uns kennen. Ich zermarter mir dann über ihre Zugehörigkeit das Gehirn - meistens ohne Erfolg. Mir wird bescheinigt, daß meine Gedanken oftmals irgendwo anders weilen oder schon wieder ein Stück weiter wären. Also im Klartext: Wenn ich die Verhütungspille nehmen müßte, um mich vor ungewollter Schwangerschaft zu schützen, hätte ich wahrscheinlich schon das Bundesverdienstkreuz als Deutschlands Vorzeigemutter.
Mit der Zeit habe ich mich aber an meine Vergeßlichkeit gewöhnt. Ich vergesse ja auch selten die wirklich wichtigen Dinge. Da gibt es ganz andere Beispiele. So gibt es Radprofis, die total überrascht sind, wenn ihnen nach überstandener Amnesie bescheinigt wird, Tabletten mit drogenartigen Substanzen eingeworfen zu haben. Einigen Ministern und Senatoren ist nach dem jüngsten Rücktritt des Berliner Wirtschaftssenators eingefallen, daß sie eigentlich auch vergessen haben, sich zu verabschieden. Das haben die aber auch schnell wieder vergessen. Verschiedene Institutionen haben vergessen, daß sie eigentlich Dienstleistungsbetriebe - und keine Schaltzentralen der Macht sind. Die Deutsche Bahn hat bei ihren Ticketpreisen vergessen, daß man nur von A nach B will, und nicht etwa einen Kunststoffsitz gleich mitkaufen möchte. Es gibt Erwachsene, die scheuchen spielende Kinder vom Rasen und vergessen, daß sie auch einmal jung waren. Andere wiederum haben vergessen, daß sie einmal alt werden.
Und so gibt es viele Arten des Vergessens. Manche vergessen banale Dinge, andere die wirklich wichtigen Sachen. Manche vergessen, woher sie gekommen sind, andere wohin sie gehen wollen. Manche vergessen das Miteinander, andere vergessen ihren Anstand. Und manch einer hat sich schon selbst vergessen.