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Knaupps Kolumnen

Wahnsinnige Weihnachten

Wahnsinnige Weihnachten
Nee, mir geht es diesmal nicht um die Komplettvermarktung des Weihnachtsfestes oder die vorzeitigen Kaufhaus-Attacken der Schokoladen-Weihnachtsmänner in den Supermarktregalen. Es geht auch nicht um so blödsinnige Ideen, Schoko-Osterhasen mit Weihnachtsmannmützchen auszustaffieren, um sie so für das kommende Fest kompatibel zu machen. Es geht nicht um den Brechreiz, den der Gedanke an die Weihnachtsnascherei zum 24. Dezember auslöst, weil man sich bei dem frühzeitigen Überangebot schon vorher überfressen hat. Es geht nicht um die allzu verbreitete alljährliche Geschenkehetze, frei nach dem Motto: „größer, besser, teurer". Es geht auch nicht um die ach so sozialen Weihnachts-Galas im Fernsehen, wo einige finanzstarke Stars für gute Zwecke um Spenden bitten, und großzügigerweise ohne Gage von der heilen Welt trällern. Mir geht es auch nicht um die Werbespots, die vor Weihnachten nun noch öfter das sehenswerte Programm unterbrechen und mir erzählen wollen, was wirklich wichtig ist, um das Fest gebührend zu begehen.
Es geht mir heute darum, meiner Freude Ausdruck zu verleihen. Freude, daß in unserem zivilisierten Land die Gans und der Karpfen als Festtagsschmaus auf den Tisch kommen. Wenn ich mir vorstelle, es wäre Tradition am 24.12. Kalbshirn zu essen, am 25.12. Rinderroulade zu verspeisen und die Feiertage am 26.12. mit einem deftigen Rindsbraten ausklingen zu lassen, wird mir irgendwie übel.
Nachdem sich die Floskel „Deutschland ist BSE-frei" als Trugschluß erwiesen hat und das als Futtermittel verwendete Tiermehl als verseucht geoutet wurde, ist mir nicht mal mehr die lila Milka-Kuh geheuer. Obwohl die Gefahr der Übertragung von BSE auf den Menschen hinlänglich bekannt war und in einigen europäischen Staaten zu Erkrankungen und Todesfällen geführt hat, schien die Ruhe im eigenen Land doch recht sicherheitsversprechend. Jetzt, nachdem die ersten Fälle der von BSE ausgelösten Creutzfeld-Jakob Krankheit auch bei uns aufs Rind zurückzuführen sind, ist das Geschrei groß. Tiermehl wird als Futter verboten, und der schwarze Wahnsinns-Peter wird unter den verantwortlichen Politikern hin- und hergeschoben. Aber das ist ja nichts Neues. Und ich würde mir das ganze Debakel auch diesmal wieder relativ gelassen anschauen, wäre da nicht diese bittere Gewißheit.
Die Gewißheit, daß gutbezahlte Staatsdiener trotz des Wissens um die BSE-Gefahr durch Inkompetenz, Ignoranz und Fahrlässigkeit eine Bedrohung für Gesundheit und Leben in unserem Land provoziert haben.
Vor dem Fest der Liebe wurde jetzt den Rinderzüchtern und Nicht-Vegetariern eine vorzeitige Weihnachtsbescherung unter den noch nicht vorhandenen Weihnachtsbaum gelegt. Und so manchem wird in diesem Jahr sicherlich auch die obligatorische Festtagsgans merkwürdig schmecken, denn auf die Frage, was in einem hochgemästetem Federvieh so alles stecken könnte, würde bestimmt die Floskel zu hören sein: „Deutschlands Gänse sind virusfrei."