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Knaupps Kolumnen

The same procedure as every year

Jedes Jahr aufs Neue stehe ich Anfang Januar immer wieder demselben Problem gegenüber. Ich komme einfach nicht aus der Hüfte. Nach der Weihnachtszeit und der Verabschiedung des alten Jahres bin ich total platt. Nee, nicht etwa weil ich satt und betrunken vor mich hin oxidiere, ich habe einfach noch keine Lust, extrem positiv durchzustarten. Ich kann Ihnen nicht mal sagen, warum das so ist. Mein Körper weigert sich förmlich, den Alltag als angenehm zu empfinden. Ich könnte noch locker so ein paar Tage zu Hause rumliegen und so tun, als wenn mich die Welt da draußen nichts anginge. The same procedure as every year.
Selbst die positiv einseitige Neujahrsansprache der Kanzlerin hat meine Januarlethargie nicht verhindert. Ihre zuversichtliche Rede vom Wirtschaftsaufschwung, von den tiefsten Arbeitslosenzahlen seit zwei Jahrzehnten, vom starken Deutschland, vom erfolgreichen Deutschland und von den fleißigen Deutschen hat mich nicht beeindruckt. Sehr beeindruckt dagegen hat mich aber, mit welcher Souveränität die Kanzlerin während der Ansprache ihr metallblaulilaglänzendes Jäckchen präsentierte. Soviel Mut findet meine Anerkennung.
Obwohl, beeindruckend war hier auch, dass die Rede fast komplett problemignorierend daherkam. Kein Wort davon, dass das Leben 2011 teurer wird. Kein Wort davon, dass es statt mehr Netto vom Brutto nun weniger gibt. Kein Wort davon, dass Normalverdiener nur noch 65 statt bisher 67 Prozent des Einkommens erhalten, dass die Krankenkassenbeiträge steigen, dass Zusatzbeiträge drohen, dass das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger und Spitzenverdiener gestrichen wird, dass der Satz für die Arbeitslosenversicherung auf drei Prozent klettert. Kein Wort davon, dass die Strompreise im Durchschnitt um sieben Prozent steigen, obwohl die Gewinne der Strommultis von Jahr zu Jahr neue Rekordhöhen erreichen.
Ich glaube fast, die Redenschreiber der Kanzlerin sind Nachkommen der drei Affen: nichts hören - nichts sehen - nichts sagen.
Aber egal, zum Aufregen bin ich noch zu lethargisch. Ich könnte noch locker so ein paar Tage zu Hause rumliegen und so tun ... The same procedure as every year.
Übrigens, so eine gesunde Lethargie ist vielleicht auch eine Art Selbstschutz. Erst recht bei Neujahrsnachrichten wie: „Dioxinverseuchte Eier und vergiftetes Geflügelfleisch in Deutschland - Überschwemmungskatastrophe in Australien - Massensterben von Vögeln in den USA oder Attentate in Nigeria und Ägypten.
Wie soll man bei all diesen negativen Meldungen positiv durchstarten? Die Meldung „Schweinegrippe fordert wieder Opfer" wurde zwar gleich mit der Meldung „Bis zu 10 000 Menschen sterben alleine in Deutschland pro Saison an der normalen Grippe" entschärft - wirklich beruhigend finde ich das aber auch nicht.
Mir reicht es, ich werde jetzt wohl nach Hause fahren. Dann lade ich mir Miss Sophie, ihre vier imaginären engsten Freunde: Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy, Mr. Winterbottom und den Butler James ein. Wir essen dann indische Hühnersuppe, Shellfisch, Hühnchen und Obst. Dazu trinken wir Sherry, Weißwein, Champagner und Portwein.
Danach werde ich satt und betrunken vor mich hin oxidieren, noch paar Tage zu Hause rumliegen und so tun, als wenn mich die Welt da draußen nichts anginge.
The same procedure as every year.