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Knaupps Kolumnen

Neue Freiheit

Nachdem nun vor kurzem das Rabattgesetz gefallen ist, kann man auch in Deutschland dem Feilschen frönen. Jetzt muß keiner mehr extra in die Türkei oder nach Ägypten jetten, um mit Händlern am Kaufpreis herumzuzerren. Es geht jetzt auch bei uns. Für die Einen ein Erlebnis, fast sogar ein Sport, für die Anderen eine merkwürdige Neuerscheinung. Ich gehöre eher zur zweiten Spezies, bin also nicht so feilschfreudig. Vielleicht liegt es daran, daß man in einer Zeit aufgewachsen ist, in der das Rabattgesetz, das jetzt keines mehr ist, damals noch keines war. Nachdem Ost und West dann einig waren, kam ich auch selten auf die Idee, Rabatte, die von Händlern nicht ausgezeichnet waren, für mich zu beanspruchen.
Doch jetzt ist alles anders, jetzt ist alles neu. Umdenken ist angesagt. Jetzt wird gefeilscht, was das Zeug hält. Oder etwa doch nicht? Bei den Sachen, bei denen es mir Spaß machen würde, die Preise zu drücken, ist es leider nicht möglich. Die Benzinpreise an der Tankstelle bleiben, und auch bei der Bank meines Vertrauens lassen sich die Zinssätze leider nicht nach oben verschieben. Auf überteuerten Veranstaltungen gibt es eher ein warmes Freigetränk statt kulanter Eintrittsgelder. Die deutsche Bundesbahn hat selbst nichts zu verschenken und wer ein Bußgeldbescheid des Ordnungsamtes oder des zuständigen Polizeipräsidiums zu drücken versucht, handelt sich noch Ärger ein. Ich weiß ja selbst, daß die gerade Genannten nicht in diese „Handelsspanne" fallen, aber gerade bei denen hätte es mir eben Spaß gemacht. Oder wenn ich mir vorstelle, ich stehe an der Kasse im Einkaufsmarkt - hinter mir eine lange Schlange von Leidensgenossen - und ich wäre ganz relaxt am Feilschen. Um jedes Stück Käse, um die Tube Zahnpasta, ja sogar um den WC-Stein würde ich zocken. Geht aber leider auch nicht. Und wenn ich es versuchen würde, liefe ich in Gefahr, von den anderen Kassenstehern gemeuchelt zu werden.
Wenn ich so richtig überlege, bleibt gar nicht so viel übrig, um mal ne Mark zu sparen. Drogerie- und Kosmetikartikel fallen fast ganz aus dem Programm und bei Technik jeder Art vergleicht man ja sowieso verschiedene Anbieter. In Klamotten- oder Andenkenläden wäre es möglich, aber eben auch wieder nicht überall. Sonst wäre es bestimmt lustig, mit anzusehen, wie die Herren Neckermann, OTTO und Co. angesichts feilschwütiger Telefonbesteller reagieren würden. Wäre vielleicht bei der kirchlichen Trauung ein Handel angebracht? „Bis, daß der Tod Euch scheidet" könnte eventuell in einen individuell befristeten Zeitvertrag umgewandelt werden. Oder geht das jetzt zu weit?
Ich für meinen Teil denke, daß die Anbieter die schon relativ moderate Preise haben, sich nicht noch aufs Handeln einlassen können, daß ein paar andere die Preise einfach höher ansetzen, um die neu gewonnene „Freiheit Feilschen" zu ermöglichen und der Rest weiterhin überteuert bleibt. Und da ich bei den letzteren auch weiterhin nicht kaufen werde, hat sich für mich kaum was geändert. Trotz Basar - es bleibt wie es war.