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Knaupps Kolumnen

Am Anfang stand das Wort

Die heutige Kolumne trage ich schon ein paar Wochen im Geiste mit mir herum. Jetzt musste sie niedergeschrieben werden, sonst wäre ich vielleicht geplatzt.
Mich nerven diese Falschaussagen, die Beschimpfungen, das Gezeter und die Drohungen durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, seiner Regierungsvertreter und treuen Anhänger, die zu uns herüberschwappen.
Nachdem in der Türkei schon seit Jahren daran gearbeitet wird, das letzte bisschen Demokratie abzuschaffen, tausende Regierungskritiker, Intellektuelle, Lehrer,  Richter und Journalisten verfolgt und inhaftiert worden sind, nonkonforme Meinungsäußerungen denunziert und bestraft werden, führt Erdogan seinen Machtkampf um den Titel des allmächtigen Türkenherrschers nun auch in Europa.
Er fühlt sich von der westlichen Welt unterdrückt, missverstanden und ausgegrenzt. Also bekämpft und beschimpft er jetzt das ultimative „Böse“ auch außerhalb der Türkei.
Und das Böse ist die EU, welche die Türkei nicht aufnimmt.
Auch die Niederlande und Deutschland bekamen Erdogans verbalen Zorn zu spüren.
Aber eigentlich sind alle, die ihm nicht nach dem Mund reden oder etwa seine hehren Ziele in Frage stellen Faschisten, Nazis und Terroristen. Böse sind auch diejenigen, die die Türkei als Urlaubsziel abgewählt haben.
Besonders ungehalten ist er gerade darüber, dass er in seinem Wahlkampf zur geplanten Verfassungsreform in der Türkei, außerhalb des eigenen Landes, nicht wirklich unterstützt wurde.
Dabei ist es für ihn wichtig, dass sich zum Beispiel die rund 1,4 Millionen wahlberechtigten Deutsch-Türken vom 27. März bis zum 9. April am Referendum für seine Verfassungsreform entscheiden.
Mit dem Referendum zur Reform in der Türkei will sich Erdogan weitere Machtbefugnisse sichern, die Allmacht als türkischen Alleinherrscher durchdrücken und die strenge islamische Denk- und Lebensweise festigen und verstärken.
Dass seinen Ministern und Wahlkämpfern öffentliche Wahlauftritte verweigert wurden, ließ ihn vor Wut schäumen. Sofort begann der türkische Säbeltanz.
Er warnte Deutschland mit einem Aufstand der Deutsch-Türken, falls Deutschland sich seinem Willen nicht fügt und ruft seinen ausgewanderten Glaubensbrüdern zu: „Macht nicht drei, sondern fünf Kinder, denn ihr seid die Zukunft Europas.“
Er droht massiv: „Wenn Europa seinen Weg so fortsetzt, kann sich kein Europäer in irgendeinem Teil der Welt mehr sicher auf den Straßen bewegen“.
Damit bedroht er uns alle ganz offen und lautstark.
Bis jetzt reagiert Europa auf diese Drohungen sehr verhalten.
Gut, es gibt EU-Politiker die „dudu!“ sagen und mit dem erhobenen Zeigefinger drohen, aber das hinterlässt keinen nachhaltigen Eindruck beim türkischen Despoten.
Zu oft schon ließ man Erdogan gewähren und hat sich durch Abkommen wie den Flüchtlingspakt in eine Lage gebracht, in der das Tragen von Scheuklappen und die gute Miene zum böse Spiel dazu gehören.
Doch seine jetzigen Drohungen sind eine grobe Grenzüberschreitung und so nicht hinzunehmen.
Die Türkei hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder Milliarden Euro von der EU erhalten. Bis 2020 sind weitere 4,45 Milliarden an finanzieller Unterstützung zugesagt.
Dieses Geld stellt die EU der Türkei für die Förderung von Demokratie, Zivilgesellschaft und Rechtsstaatlichkeit zur Verfügung. Was macht Erdogan mit den Milliarden? Er errichtet eine Diktatur! Und wir zahlen brav weiter! Wenn die deutsche bzw. die EU-Politik nur halbwegs glaubwürdig sein sollte, müssten diese Milliarden-Überweisungen sofort eingestellt werden.
Europa sollte Erdogans Drohungen unbedingt ernst nehmen. Die sind nicht nur so dahergesagt.
Der türkische Präsident zeigt einmal mehr, welche Gedanken er in sich trägt!
So wie bei einer Ansprache, welche er 1998 noch als Bürgermeister von Istanbul vor seinem Wahlvolk hielt.
Hier zitierte er Zeilen eines religiös-nationalistischen Gedichtes:
„Die Demokratie ist nur ein Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“
Am Anfang stand das Wort.