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Knaupps Kolumnen

Depressionsangebote

Die Zeichen stehen auf Sturm. Nein, ich meine das jetzt nicht politisch. Obwohl ja die Bundestagswahl 2017 für die sogenannten Volksparteien mit beachtlichen Sturmschäden endete. Aber das kommt davon, wenn vorher alle Wetterwarnungen und Sturmprognosen übergangen, ignoriert oder unterschätzt werden.
Mir geht es hier heute nicht um Politik. Ich meine diesmal nur ganz profan den Herbststurm.
Die Zeichen sind deutlich. Der Herbst ist da und mit ihm die kalte Jahreszeit.

Strickpullunder, wollende Beinkleider & die Gesäßheizung im PKW warten auf ihren Einsatz. Die Blätter verfärben sich und ziehen einen Schlussstrich unter ihre letzte Beziehung. Sie verlassen ihre hölzernen Partner und sinken entkräftet zu Boden. Besagtem Boden ist dieses Drama schnurzegal. Er zeigt bodenfrostige Härte.

Wilde Zugvögel kämpfen sich mit lautem Geschnatter und in gut formierten Flugverbänden durch den Herbsthimmel. Das artverwandte Mastgeflügel hingegen ist zur Bodenhaltung gezwungen und ahnt noch nichts vom bevorstehenden Daseinsende. Dabei rückt die alljährliche Schlachtzeremonie immer näher.

Ja, in elf Wochen ist Weihnachten. Glaubt man dem Angebot der Einkaufsmärkte, gibt es den Herbst gar nicht. Hier wird der fließende Übergang von der Grillsaison in die Lebkuchenzeit propagiert.
Wer also jetzt noch auf eine vernünftige Herbstdepression spekuliert, der sollte sich beeilen. In wenigen Wochen verlangt schon die fröhlich-selige Vorweihnachtszeit ihren Tribut.

Doch noch ist Herbst, also sollte man ihn richtig nutzen.
Lassen Sie sich bloß nicht von den positiven Attributen dieser Jahreszeit blenden! Verdrängen Sie das güldene Licht, die prächtigen Farbspiele und das zarte Blätterrascheln. Jetzt ist die richtige Zeit für eine deftige Herbstdepression.
Frühe Dunkelheit, morgendliche Kälte und graue Tage lassen sich ideal für finstere Stimmungen nutzen. Auch traurige Balladen von toten Interpreten, Fernsehprogramme mit Liveübertragungen von missglückenden Notoperationen oder die Talkrunden der öffentlich-rechtlichen Sender sind gute Voraussetzungen für tief zusammengezogene Stirnfalten und dunkeldüstere Depri-Phasen.
Man kann aber auch einfach sein Auto ein paar Tage unter einer fruchtbeladenen Kastanie abparken, um danach mit feuchten Augen die Einschläge auf dem PKW-Blech zu zählen.

Wer die volle Depressionsdosis erreichen möchte, der schaltet sich durch drei aktuelle Nachrichtensendungen, blättert danach in den Sommerurlaubsfotos oder schläft einfach tagsüber und geht nachts allein am Rinnstein spazieren.
Dazu empfehle ich dann einen trockenen Rotwein, der im Abgang leicht nach Kork schmeckt.

Sie sehen also, die Depressionsangebote sind vielfältig, man muss sie nur richtig nutzen.