von Jan Knaupp
Wie sehr haben wir gelitten, gebangt, gehofft und mitgefiebert. Er hat unser aller Herzen geöffnet – unser Wal Timmy – unser Buckelwal der Herzen!
Das Schicksal des in der Ostsee gestrandeten Meeressäugers hat uns wochenlang beschäftigt, hat eine riesige mediale Aufmerksamkeit erzeugt, hat eine unglaublich große Welle an Mitgefühl entfacht. Seit Ende März gab es kaum ein anderes Thema, welches die Menschen in Deutschland und auch im Ausland so emotional berührte, wie die Rettung des gesundheitlich angeschlagenen XXL-Fischstäbchens. Für Wochen verdrängte dieses Medienspektakel rund um den Bruder von „Free Willy“ all die anderen Katastrophen und Schicksale weltweit. Neben gutmeinenden Helferbrigaden nutzten die öffentliche Walplattform auch selbst ernannte Walflüsterer und mediengeile Salzwasser-Gurus, um auf sich und ihre eigens dafür einstudierten Walgesänge aufmerksam zu machen. Selbst die Landespolitik hat sich eingebracht. Ich wäre nicht verwundert gewesen, wenn auch noch Donald Trump mit seiner Air Force One nahe der Wismarer Bucht gelandet wäre, dem Wal die Fahnenstange mit dem amerikanischen Sternenbanner in das Blasloch gerammt hätte, um damit den Buckel zum amerikanische Hoheitsgebiet zu erklären.
Bei diesem ganzen Getöse vor der Insel Poel, bei all dem gemeinschaftlichen Enthusiasmus und bei all den hektisch applaudierenden Medien, könnte man fast glauben, der Mensch hat sich doch noch ein Quäntchen Gewissen gegenüber unschuldigen Kreaturen bewahrt. Man könnte meinen, der Mensch empfindet tatsächlich noch so etwas wie Mitleid. Doch leider sieht die Realität viel trauriger aus.
Bei intensiver Mast- und Massentierhaltung für die Erzeugung billiger tierischer Produkte wird die dafür auserkorene Kreatur weltweit unter grausamsten Haltungsbedingungen ausgebeutet und auf den frühen Tod durch Schlachtung vorbereitet. Extremes Tierleid wird hier ohne Wimpernzucken in Kauf genommen. Hauptsache das Schnitzel, die Eier und die Milch sind günstig.
Sogenannte Straßenhunde und heimatlose Katzen werden in Ländern wie der Türkei, Bulgarien, Rumänien, Marokko, Pakistan, Ägypten, Indien, usw., eingefangen und massenhaft getötet. Grausame und brutalste Tötungen wie Erhängen, Verbrennen, Ertränken, Vergasen, Vergiften, Erschießen, Totspritzen oder auch lebendig Begraben, sind dabei gängige Methoden.
Nach einem kurzen Leben, geprägt von Hunger, Krankheit und Gewalt, landen massenhaft ungeliebte Tiere auch in staatlich organisierten Tötungsstationen, die teilweise mit zweckentfremdeten EU-Geldern finanziert werden.
Länder wie Kroatien, Slowakei, Portugal, Spanien, Italien und Zypern bedienen sich immer noch der sogenannten „Catch- and Kill-Industrie“, bei denen Kopfgeldprämien für eingefangene und getötete Hunde und Katzen bezahlt werden.
In Ländern wie Vietnam, Kambodscha, Indonesien, China, usw., fristen Hunde ein kurzes leidvolles Dasein in Hundefleischfarmen, um dann zum Verzehr abgeschlachtet zu werden.
Für Großveranstaltungen wie die Fußball-EM oder Olympia wurden 2008 in Peking, 2012 in der Ukraine und 2018 in Russland hunderttausende herrenlose Tiere eingefangen und „entsorgt“.
Marokko plant für die Fußball-WM 2030 die Tötung von bis zu drei Millionen Straßenhunden.
Die weltweite Fischerei mit Grundschleppnetzen in den Weltmeeren führt zu hoher Sterblichkeit bei den Meeressäugern, die Netze demolieren den Meeresboden und bedrohen die Artenvielfalt. Die fortschreitende Abholzung des Regenwaldes oder auch die Rodung heimischer Wälder für Windkraftanlagen zerstören jährlich Millionen Hektar tierischen Lebensraums, usw., usw., usw..
Und damit sind wir dann wieder bei „Timmy“. Der Buckelwal hatte wahrscheinlich erst einmal Glück, er hat jetzt hoffentlich seine Ruhe und kann vom Menschen unbehelligt irgendwo im großen weiten Meer sterben. An der Zerstörung seines natürlichen Lebensraumes wird der Mensch aber weiterhin fleißig arbeiten.
Ich würde mir wünschen, dass all die neuen Wal-Enthusiasten, die verheulten Timmy-Aktivisten, die dienstbeflissenen politischen Entscheidungsträger und die „selbstlosen“ Spendenmillionäre sich auch dann noch für Tierrettungen einsetzen, wenn alle Fernsehkameras abgeschaltet sind und ihre zur Schau gestellte „Barmherzigkeit“ nicht mehr das Hauptthema der aktuellen Nachrichten ist.


