Belastung für Anwohner muss aufhören!

Blick aus dem Fenster auf den Ring der Freundschaft. Die Busse fahren eine 1,2 km lange Runde durch die Reifenwerksiedlung, weil am Spree-Campus keine Wendeschleife gebaut wurde – und weil in der Reifenwerksiedlung die einzigen funktionstüchtigen Toiletten stehen.
Drei verschiedene Buslinien des Busverkehrs Oder-Spree (BOS) rollen durch die Reifenwerksiedlung, manchmal sogar mehr. Was auf den ersten Blick nach einer super Anbindung klingt, ist auf den zweiten Blick eine Zumutung für die Anwohner.
Es ist ein Dienstagmorgen. Ich bin mit Anwohner Roger Zerwinski verabredet. Dreißig Minuten stehen wir vor seinem Aufgang im Ring der Freundschaft. In dieser Zeit rauschen sechs Busse an uns vorbei. Die ersten fünf davon sind völlig leer, erst im sechsten sitzen ganze zwei Fahrgäste. Zwischen 4:08 Uhr und 23:00 Uhr schlängeln sich unzählige Busse durch die etwas abgelegene Siedlung im Südosten der Stadt.
„Eine einzige Buslinie würde völlig ausreichen“, sagt Roger Zerwinski. Tatsächlich aber fahren die 411, die 413 und die 414 hier lang. Wie kommt es dazu, dass die Reifenwerksiedlung so stark angefahren wird? Die Gründe sind so simpel wie peinlich. Der Campus der Spree-Grund- und der Spree-Oberschule ist die eigentliche Endstation. Dort steigen praktisch alle Fahrgäste, hauptsächlich Schüler, aus. Da aber dort – obwohl genug Platz unterhalb der Lise-Meitner-Straße vorhanden ist – keine Wendeschleife gebaut wurde, machen die Busse eine 1,2 km lange Wendefahrt durch die Reifenwerksiedlung.
Ein zweiter Grund kommt hinzu. An der Einmündung zum Platz der Solidarität befindet sich die einzige funktionstüchtige WC-Anlage aller Endhaltestellen im Fürstenwalder Stadtnetz, wie der BOS gegenüber den Anwohnern einräumte. Aus diesem Grund machen auch Fahrer anderer Linien mit ihren Schlenkis einen Schlenker durch die Reifenwerksiedlung. Roger Zerwinski erzählt: „Am Freitag rollte sogar ein Bus der Linie 412 in unsere Siedlung – eine Linie, die laut offiziellem Fahrplan hier absolut nichts zu suchen hat und das Gebiet gar nicht berührt. Der Grund liegt auf der Hand: Wo sollen die Fahrer der anderen Linien in Fürstenwalde sonst ihre Notdurft verrichten?“
Im Amt für Kreisentwicklung und Infrastruktur hat man das Problem erkannt und (inoffiziell) sogar Verständnis für die belasteten Anwohner. In einer internen E-Mail, die dem Hauke-Verlag vorliegt, schrieb Amtsleiter Oliver Kühne: „Ich verstehe die Anwohner gut. Wir sollten vielleicht etwas zurückrudern und den Fall vor Ort prüfen. So wie beschrieben, scheint es wirklich eine große Belastung zu geben, die letztlich auch eine falsche Bindung von Ressourcen birgt.“ Obwohl das Amt intern von „Zurückrudern“ spricht, zementiert der aktuelle Entwurf des neuen Nahverkehrsplans das Bus-Chaos im Wohngebiet einfach für die nächsten vier Jahre weiter. Von Entlastung findet sich nämlich im offiziellen Papier keine Spur. Roger Zerwinski meint dazu: „Dieser strukturelle Notstand des Verkehrsbetriebs wird eins zu eins auf dem Rücken unserer Gesundheit ausgetragen. Das ist der absolute planerische Offenbarungseid!“
Im Landkreis wurde das Problem intern also erkannt. Es geht ja auch um „Ressourcen“; gemeint sind die völlig unnötigen kilometerlange Fahrten durch den Ring der Freundschaft. Jetzt dürfen den Anwohnern keine Scheinargumente mehr vorgelegt werden, wie zum Beispiel, dass es sich bei der Reifenwerksiedlung um kein Wohngebiet, sondern um ein Mischgebiet handele, wie die Stadtverwaltung vor Ort argumentierte. Jeder, der vor Ort ist, sieht, dass es ein reines Wohngebiet ist. Die Behörden müssen ins Handeln kommen. Es muss eine Wendeschleife am Spreecampus gebaut werden. Die Planer wollen die Anwohner auf Jahre vertrösten. Doch die Wendeschleife am Spree-Campus muss jetzt festgeschrieben und umgesetzt werden, statt das Problem auf die lange Bank zu schieben – und es müssen funktionsfähige Toiletten an den anderen Endhaltestellen her. Im Sinne von Fahrern und Anwohnern.
Michael Hauke


