Von Sybille Gurack

Meine 1890 geborene Oma erzählte gern von der Eisenbahnstraße als Flaniermeile der Stadt. Geschäft reihte sich an Geschäft. Man konnte einkaufen, konnte sehen und gesehen werden. Das war der Dreh- und Angelpunkt der Stadt. Alte kamen extra hierher, um auf Parkbänken unter schattigen Bäumen das bunte Treiben zu beobachten.
Den Status hat die Straße verloren. Warum?
Einige Antworten darauf sind 30 Jahre alt. Ich fand sie in Ordnern mit meinen Artikeln von 1992/93…
1992 – erinnern wir uns: Es war das Jahr, in dem Treuhand und Liquidator (sie organisierten Auflösung, Aufteilung bzw. Verkauf) das Sagen hatten im Reifenwerk, dem bis dahin größten Arbeitgeber der Stadt. Über 1000 Fürstenwalder verließen die Stadt bereits aus Perspektivlosigkeit. Den Schulen fehlten massenhaft Lehrer. Unterrichtsausfall. Kriminalität stieg. Die Heideländer erfuhren aus dem Amtsblatt von der städtebaulichen Entwicklung ihres Besitzes, von Zwangsenteignung, Vorkaufsrecht der Stadt und hohen Geldstrafen.
Der Abzug der russischen Streitkräfte setzte sich fort. Die Feuerwehr kam durch steigende Einsätze an ihre Löschgrenze. Die für die Kleiderkammer gespendete Kleidung deckte die Nachfrage bei Weitem nicht mehr ab.
Aber es gab auch Mutige. Neugründungen und alteingesessene Händler, die ihr Familienunternehmen fortführen wollten. Im Juli `92 waren in der Stadt 950 Händler gemeldet.
Sie alle bekamen hausgemachte Probleme: u.a. eine nervenaufreibende Parkgebührensatzung, die als „Ding aus dem Tollhaus“ bezeichnet wurde.
Zeitgleich ging das Tiefbauamt der Stadt daran, Werbeschilder, Werbung an Lichtmasten und Aufsteller vor den Geschäften kostenpflichtig zu entsorgen. In den Stadtverordnetensitzungen war von „Wildwuchs“ die Rede. Zur Kasse gebeten wurden selbst die Händler, die am eigenen Haus ein Werbeschild anbrachten, denn es ragte drei Zentimeter in den öffentlichen Raum.
Alle Hoffnung der Händler lag auf dem Parkfest, das doch immer ein Höhepunkt war. Aber die Stadt zahlte nach eigenen Angaben „horrende Summen“ an einen Organisator aus den alten Bundesländern. „Das Fest war dennoch ein Reinfall“, so der damalige Sozialdezernent Andreas Politz. Denn nur wenige einheimische Händler konnten die überhöhten Standmieten bezahlen. Bei der sich anschließenden Regionalmesse „Füwa 92“ leistete sich die Stadt den gleichen Fehler nochmal. Wieder entschied sich die Stadt für einen Organisator aus den alten Bundesländern. „Der ist an uns herangetreten. Wir bezahlen dafür nichts“, beruhigte Herr Politz damals im Auftrag des Bürgermeisters die Händler. War alles richtig. Die Stadt bezahlte nichts. Aber die Händler! Ein Quadratmeter Ausstellungsfläche kostete zwischen 140 und 160 DM. Nebenkosten extra. So waren nur sehr wenige Fürstenwalder unter den 120 Ausstellern.
Das sollte Weihnachten anders sein: Der städtische Gewerbeverein unter Evelyn Juling sollte mit seinen 50 Mitgliedern in Eigenregie nebenbei und kostenlos den Weihnachtsmarkt am Dom komplett organisieren. Ohne Standmieten. Aber zusätzlich mit Beteiligung an den Kosten des kulturellen Rahmenprogramms. Hans-Joachim Klawitter, alteingesessener Spirituosenhändler und Schatzmeister des Vereins, benannte das Problem: „Gerade Weihnachten ist unsere Hauptgeschäftszeit. Die Wenigsten könnten da Leute aus dem Laden nehmen und auf den Markt stellen.“
Trotz reger Beratung durch die Partnerstädte, vieler Dienstreisen unserer Stadtväter dahin, trotz mehrjähriger Aufenthalte westlicher Berater in Fürstenwalde bei freier Kost und Logis plus Honorar, machte unsere damalige Stadtverwaltung den Fehler vieler anderer Städte: ein Gürtel aus Kaufhallen wurde auf grüner Wiese rund um die Stadt zugelassen. Dahin strömten die Käufer nun. Und noch schlimmer: für das Stadtzentrum plante man nun zwei Einkaufszentren (Rathauscenter und Fürstengalerie), die den Händlern die letzten Käufer abzogen. Die Fürstengalerie und das Modekaufhaus Magnus betrieb die Stadt über die Wohnungswirtschaft sogar selbst. Beide wurden seit ihrer Eröffnung in Größenordnungen subventioniert. Ohne die finanziellen Zuwendungen hätte es die Fürstengalerie nie gegeben. Damit ist Kaufverhalten organisiert worden, das den Handel in der Eisenbahnstraße systematisch zerstört hat.
Und es ging ja immer weiter: die Umbenennung der Straßen und Plätze bedeutete für die kleinen Händler und Unternehmer viel Zeitaufwand für Bürokratie und Kosten (Ummeldungen, Änderungen). 44 Händler der Stadt haben im Jahr 1992 ihr Gewerbe abgemeldet.
Wie eine Bombe schlug unter den Händlern der Eisenbahnstraße die Nachricht ein, dass sie mit zehn Prozent an den Kosten der Grundsanierung der Straße beteiligt werden sollen – das war 1997. Zehn Prozent einer bis dato nicht benannten Gesamtsumme und zahlbar noch im selben Jahr als Vorleistung. Einzige Richtwerte für die Geschäftsleute: 16-18 DM pro qm Ladenfläche würden multipliziert mit Geschosshöhe plus Berechnungsfaktor, inwiefern das Haus gewerblich genutzt wird. Bernd Mahling hatte gerade zwei Jahre zuvor seine „Mahling-Passage“ auf 8000 qm Fläche fertig. Mahling: „Ich muss meine Ausgaben genau planen. Wenn die Stadt Geld von uns will, muss sie das mindestens ein Jahr vorher ankündigen. Von Rechts wegen müssten wir Gewerbetreibenden die Stadt ohnehin verklagen, dass sie so viel Verkaufsfläche auf grüner Wiese zugelassen hat. Die Innenstadt stirbt ab. Klar muss die Straße gemacht werden. Aber wir haben die Einbuße und sollen noch draufzahlen?“
Ich habe damals Bürgermeister Reim befragt, ob es denn keine Entschädigungsmöglichkeit gäbe. Denn für die Bauzeit sei die Straße gesperrt und die Kunden würden kaum über Bauzäune klettern.
Herr Reim verneinte.
All das liegt 25 Jahre und länger zurück. In den Folgejahren setzte sich das fort. Die kleinen Händler wurden nicht geschätzt. Allein „Duane Phillips, ein Westberliner Architekt“ – so schrieb ich es damals – trug bei einer Versammlung im April `92 die Erfahrungen seiner amerikanischen Heimat vor: “die Stadtmitte als die gute Stube der Stadt auszubauen und die Tante-Emma-Läden wiederzubeleben.“
Das ist nicht geschehen.
Arabische, kurdische und vietnamesiche Geschäftsleute, die jetzt die Eisenbahnstraße dominieren, haben niemanden vertrieben. Sie zogen in leere Räume. Der Grund dafür – siehe Anfang.

Hinweis der Behindertenbeiratsvorsitzenden Annett Spillmann: „Warum wird die Eisenbahnstraße nicht verkehrsberuhigt? Als Fußgängerzone gäbe es hier noch ganz andere Möglichkeiten. Cafés könnten sich nach draußen entwickeln und Passanten könnten in die Schaufenster blicken ohne von anderen angerempelt oder von Rädern angefahren zu werden“.

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