von Dr. med. Thomas Völler, Grünheide
Homöopathie beruht auf dem Grundsatz, dass Ähnliches durch Ähnliches behandelt werden kann. Potenzierte Substanzen sollen danach bei ähnlichen Beschwerden die Selbstregulation des Organismus unterstützen. Eine Operation beginnt nicht erst im OP und endet nicht mit dem letzten Stich. Aufregung und innere Unruhe können ebenso dazugehören wie Schmerzen, Schwellungen, Blutergüsse und Erschöpfung danach. Die Auswahl begleitender homöopathischer Mittel richtet sich nach den Beschwerden.
Vor der OP: Wenn die Angst mitkommt
Nervosität, kreisende Gedanken, Schlaflosigkeit, Zittern oder innere Unruhe können vor einem Eingriff auftreten. Zum Einsatz kommen unter anderem: Neurexan: Ein homöopathisches Komplexmittel bei Unruhe und Anspannung. Es soll beruhigen und entspannen, ohne Konzentration und Tagesaktivität zu beeinträchtigen, und abends das Einschlafen erleichtern sowie die Schlafdauer verlängern.
Aconitum C 200 (Blauer Eisenhut, Sturmhut): Als Mittel bei plötzlich und heftig auftretenden Beschwerden, bei Panik und Angstreaktionen, Unruhe und Ärger, aber auch bei Entzündungen, Erkältungen und Fieber.
Nach der OP: Wenn der Körper Zeit zur Erholung braucht
Wundschmerzen, Schwellungen, Blutergüsse oder Erschöpfung können die Regeneration begleiten. Vor und nach operativenEingriffen können traditionell verschiedene Mittel eingesetzt werden:
Arnica (Bergwohlverleih): (Ein Tag vor bis 4 Tage nach OP) als Mittel bei Verletzungen, Verstauchungen, Überanstrengung, Muskelkater, nach Zahnbehandlungen sowie bei frischen Wunden mit hellroten Blutungen. In der homöopathischen Literatur werden auch Bewusstseinsstörungen, motorische, sensible oder sensorische Ausfälle und Krämpfe genannt. Solche neurologischen Symptome sind medizinische Warnzeichen und müssen sofort abgeklärt werden.
Staphysagria (Stephanskraut): Statt Arnica als Mittel bei Schmerzen durch Schnitt- und Stichverletzungen und Operationen. Bei Muskel- und Sehnenrissen, Dekubitus und Scheidenriss bei der Entbindung sowie Beschwerden durch zurückgehaltenen Ärger und extreme Empfindsamkeit.
Bellis perennis (Gänseblümchen): Wird bei Verletzungen tiefer liegender Weichteile eingesetzt, etwa bei Verhärtungen, Knötchen und Schwellungen der Brust nach einem Schlag, bei tieferen oder septischen Wunden, besonders im Beckenbereich, sowie
bei Geschwulstbildung infolge eines Traumas.
Calendula (Ringelblume): Zur Unterstützung von Wundheilung und Vernarbung. Sie soll eine gesunde Granulation fördern und Eiterung sowie unförmiger Narbenbildung entgegenwirken.
Rhus toxicodendron (Giftsumach): (5.-19. Tag nach OP) bei Gelenk- und Sehnenverletzung, Überdehnung von Sehnen, Bändern und Muskeln, Knochenschmerzen, Folgen von Überanstrengung, Unterkühlung oder Durchnässung, Kopfschmerzen nach Traumata, bei Kreuzschmerz mit Zerschlagenheitsgefühl. Typisch: schlimmer nachts und in Ruhe, besser durch Bewegung und Wärme.
Nach der Narkose: Beschwerden der Erholungsphase
Der Begriff „Narkose ausleiten“ ist verbreitet. Medizinisch baut der Körper Narkosemittel jedoch selbst ab und scheidet sie aus. Eine einfache homöopathische „Ausleitung“ gibt es nicht. Begleitend werden Mittel bei Übelkeit, Benommenheit oder allgemeinem Unwohlsein eingesetzt:
Nux vomica (Brechnuss): bei allen Beschwerden „durch zu viel“, etwa Nahrung, Alkohol, Arbeit oder Ärger, sowie bei Übelkeit.
Narcotinum (Noscapin): Noscapin, ein Alkaloid aus dem Schlafmohn ähnelt im homöopathischen Arzneimittelbild dem anderer
Opium-Derivate und betrifft vor allem Kopf, Nervensystem und Schleimhäute.
Wie werden die Mittel eingesetzt?
Verwendet werden überwiegend C-Potenzen. Jeder Potenzierungsschritt erfolgt im Verhältnis 1:100. Die Zahl hinter dem C gibt die Anzahl der Verdünnungs- und Verschüttelungsschritte an. C30 bedeutet dreißig solcher Schritte. Ab C21 ist rechnerisch in der Regel kein Molekül des Ausgangsstoffes mehr enthalten.
Die Mittel sollen möglichst nüchtern, mindestens 15 Minuten vor oder eine Stunde nach dem Essen, eingenommen und im Mund zergehen gelassen werden. Angegeben werden 1-3x 2-8 Tropfen, 2-5 Globuli oder ½-1 Tablette. Hochpotenzen wie Aconitum C200 nur einmal einnehmen.
Begleiten heißt nicht ersetzen
Homöopathie ersetzt weder eine Operation noch medizinische Behandlung und Nachsorge. Medikamente dürfen nicht eigenständig
abgesetzt oder verändert werden. Neue, starke oder anhaltende Beschwerden und Warnzeichen müssen ärztlich abgeklärt werden. Eine homöopathische Begleitung sollte vorher mit dem behandelnden Team und einer qualifizierten homöopathisch arbeitenden Experten abgestimmt werden.
Fazit
Eine Operation fordert Körper und Seele. Homöopathische Mittel werden traditionell begleitend bei Unruhe, Wundbeschwerden, Schwellungen, Übelkeit oder Erschöpfung eingesetzt. Die Grenze ist klar: Sie können eine medizinisch notwendige Behandlung nicht ersetzen. Warnzeichen gehören in ärztliche Hände.
Siehe auch: Hauke-Verlag KA 22/24 vom 23.10.2024, S. 5 „Homöopathische Taschenapotheke zur Selbsthilfe“ und KA 19/26 vom 09.09.2026, S. 5 „Brechnuss – Bei allem zuviel“.
Literatur: Dr. Manuel Mateu i Ratera: Erste Hilfe durch Homöopathie. EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien, 1997.


