Aus aktuellem Anlass heute ein weihnachtliches „So gesehen“,
welches erstmalig im Dezember 2005 veröffentlicht wurde. Viel Spaß dabei!

von Jan Knaupp

Bald ist es soweit. Nur noch ein paar Stunden und das Weihnachtsfest ist da. Doch vorher gibt es immer noch eine Menge zu tun. Leider ist es meist so viel, dass der weihnachtliche Endspurt leicht ins Stressige abdriftet. Aber es soll ja auch alles perfekt sein. Ich bin ja mal gespannt, wie es in diesem Jahr abläuft. Wenn es ein bisschen ruhiger als im letzten wird, hätte ich nichts dagegen.
Einen Baum haben wir schon. Im vorigen Jahr bin ich erst vormittags, am 24. Dezember, losgezogen, um nach althergebrachter Weise den Festerheller selbst zu schlagen. Nachdem ich das passende Prunkstück entdeckt und für gut befand, ging alles relativ schnell. Ritsche-Ratsch und ab in Richtung seines neuen Standortes. Nun ist es ja so, dass man den Baum erst einmal im Freien von eventuellem Fehlwuchs befreit. Wie groß mein Erstaunen allerdings war, als ich den Baum an unser Haus lehnte und er weit – weit über die Dachrinne hinaus reichte, können Sie sich sicherlich vorstellen. Nachdem ich also den Kopf in den Nacken legen musste, um die Spitze zu erkennen, beschlich mich ein leichter Zweifel, der mein Schätzungsvermögen betraf.
Aber als Mann der Tat und mit einer Säge bewaffnet machte ich mich ans Werk. Erst einmal unten etwas ab. Zu wenig. Also noch eine Etage weg. Mist, passt immer noch nicht. Kann man eigentlich oben kürzen? Warum eigentlich nicht? Also frohen Mutes alles Störende weggesäbelt, eine Weihnachtsbaumspitze brauchen wir eh nicht. Irgendwann war es dann soweit – unser Baum hatte die richtige Größe.
Nachdem er nun im Wohnzimmer im Ständer verankert war, durfte ich feststellen, dass derjenige, der diesen Baum gebastelt hatte, auf einer Seite wohl mit den Ästen sparen musste. Nun ja, mit der richtigen Drehung ist so ein Naturschaden schnell behoben. Dann ging es ans Schmücken. Ein paar Strohsterne hier, ein bisschen Holzspielzeug da – und fertig ist der Lack. Zu guter Letzt die alles verzaubernde Lichterkette. Ich habe mich natürlich vorher informiert und ein Wahnsinnsteil mit 50 Kerzen erworben. War das ein Glanz! Leider nicht lange. Schon am nächsten Morgen flackerte die Weihnachtsbaumbeleuchtung kurz auf – und es wurde wieder dunkel. Es gibt Momente, in denen einem die Worte fehlen. Dies war so ein Moment. Bis auf das unheilige Wort mit Sch…, das verließ gleich mehrmals meinen Rachenraum.
Aber nicht verzagen, eine Ersatzbirne muss her. Nun kann man ja über die Hersteller von Weihnachtsbaumbeleuchtungen nicht viel sagen, doch der unsere war geizig. Eine einzige Ersatzkerze befand sich im Verpackungskarton. Doch eine muss reichen, schließlich kommt man am 25. Dezember nur schwer an solch rares Festmaterial.
Was ich als nächstes feststellen musste: Reihenschaltung ist doof. Erst recht, wenn man sich eine 50er Lichterkette auserkoren hat. Also los. Die erste Birne raus, die Ersatzbirne rein – nichts. Die Ersatzbirne raus, die vorher entnommene Birne wieder rein und dasselbe Spiel mit der nächste Birne weiter. Nach etwa 25 Fehlschlägen nahte die Hilfe in Form eines befreundeten Beleuchtungsexperten. Der konnte natürlich auch nichts anderes tun, als hinter mir zu stehen, um mir immer die jeweilig ausgeschraubte Birne abzunehmen, mir unsere einzige Ersatzbirne zu reichen und dabei mit Weihnachtsbier zu gurgeln. Mitten in dieser angestrengten Arbeitsphase erklang ein Geräusch. Ein Geräusch, welches mich untrüglich an das Zerbersten einer Ersatzbirne erinnerte. Ich habe zwar vorher noch nie eine Ersatzbirne bersten gehört, aber so ein Geräusch kann einfach nichts anderes bedeuten. Ein Blick über die Schulter in das schuldbewusste Gesicht meines Hintermannes erklärte die tragische Situation ohne Worte. Und das zu Weihnachten!
In einem etwas deformierten Gemütszustand machte ich mich daran, die Unglücksbeleuchtung vom Baum zu nehmen, als mich plötzlich eine rettende Idee streifte. Wir hatten vor Jahren mal ein klitzekleines Bäumchen, welches mit einer kleinen bunten Diodenkette verziert war. Wenn man die nun …, quasi als Notbehelf …, es ist ja die letzte Möglichkeit.
Nun ja, den Rest können Sie sich vorstellen. Ich drapierte diese viel zu kleine, nicht wirklich feierlich aussehende Diodenschlange so an unseren Baum, dass ca. eine viertel Baumfläche etwas Beleuchtung abbekam. Wenn man dabei von Beleuchtung sprechen konnte.
Und ob Sie es glauben oder nicht – dieser Weihnachtsbaum, der arg zurecht gestutzt werden musste, der lichtertechnisch an eine HiFi-Anlage im Stand-by-Betrieb erinnerte, der wirklich nie einen Schönheitspreis bekommen hätte – genau dieser Baum ist in die Weihnachtsanalen unserer Familiengeschichte eingegangen. Es muss eben nicht alles perfekt sein.

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