Von Jan Knaupp

Schon im Oktober 2013 habe ich in der Kolumne „Ich glaube nicht daran“ über die Verfehlungen innerhalb der katholischen Kirche geschrieben. Machtmissbrauch, Vergewaltigung, Verschleierungstaktik – seitdem kommen immer wieder neue Fälle ans Licht, so auch 2023. Im Moment stehen die Erzbistümer Berlin, Köln und Freiburg, das Bistum Trier und die Gemeinde Traunstein im Fokus der Vorwürfe. Die Berichte über systematischen und flächendeckenden sexuellen Kindesmissbrauch reißen nicht ab, der pädophile Täterkreis scheint groß, der Sumpf sexualisierter Gewalt ist tief.
Statt Strafanzeigen, Aufarbeitung und Opferschutz zeigen die aktuellen Fälle wieder, dass die Kirche nur reagiert, wenn die Missbrauchstaten öffentlich werden. Ansonsten wird verdrängt, vertuscht und gelogen.
Der Schutz von den würdetragenden Tätern und ihren Institutionen scheint oft die einzige Handlungsmaxime für die Verantwortlichen in den deutschen Bistumsleitungen zu sein.
Doch für die Leugner und Vertuscher wird die Luft langsam dünner.
So hat jetzt die aktuelle Missbrauchsstudie für das Erzbistum Freiburg (Freiburger Studie) vom 18.04.2023 über 250 Priester als Missbrauchstäter mit mindestens 540 Opfern belastet.
Dieser Kirche, zu deren zentralen Wertsetzungen die Nächstenliebe, die Wahrheit, die Gewaltlosigkeit, der Besitzverzicht, die Gerechtigkeit, die Treue und die Keuschheit gehören, scheinen die eigenen gepredigten Werte schon immer zum Verhängnis zu werden. Die irdische Realität der Kirche sprach und spricht oft eine andere Sprache als die Glaubensbekenntnisse ihrer Vertreter. Kreuzzüge gegen andere Glaubensrichtungen, blutige Eroberungen, Landraub, Inquisition und Scheuklappentaktik waren in früheren Zeiten für die Kirche ein Mittel zur Machterhaltung und zur Bereicherung. Von Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Besitzverzicht keine Spur.
Nun, diese schwarzen Zeiten gehören heute zur Weltgeschichte, das ist lange her. Obwohl es sicherlich nicht abwegig ist, dass bestehende Besitztümer und Teile des Vermögens mit diesem Unrecht begründet wurden.
Und auch in heutiger Zeit bekleckert sich die Kirche nicht mit Ruhm. Das Festhalten an mittelalterlichen Moralvorstellungen, starre Haltung zu künstlicher Empfängnisverhütung, zu Abtreibung, zu Homosexualität, zu Sterbehilfe etc. sind Themen, mit denen die Kirchenoberhäupter nur ungern konfrontiert werden.
Immer wieder sieht sich die Kirche auch dem Vorwurf der Heuchelei und der Doppelmoral ausgesetzt. Wohl zu recht. Die Vielzahl der bekannt gewordenen Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in der römisch-katholischen Kirche, die versuchte Vertuschung dieser Fälle durch die Kirche selbst – wohl das dunkelste Kirchenkapitel in der heutigen Zeit.
Doch der Rubel rollt wie eh und je. Mittlerweile sind auch Bistümer in Deutschland millionenschwer. Der Vatikan und die katholische Kirche gelten mittlerweile als ein Milliardenunternehmen, die Kirche wird als der größte und mächtigste Börsenmakler benannt, die Rede ist von Tausenden von Immobilien in der ganzen westlichen Welt, von einer Vielzahl von Ländereien und großen Teilhaberschaften an Industrie- und Wirtschaftskonzernen. So ist derzeit absolut unmöglich, das gesamte Vermögen der Kirche festzustellen und einzuschätzen.
Im Hinblick auf dieses Vermögen muten Kirchensteuer und Spendenaufrufe absurd an. Das Absurdum steigert sich erst recht, wenn man bedenkt, welchen Beitrag die Kirche weltweit mit einer finanziell aktiven Nächstenliebe zur Elendsminderung beitragen könnte. Tut sie aber nicht!
Auch dass der deutsche Staat diese Institutionen immer noch mit Staatszuschüssen unterstützt, dass über 100jährige Leistungsverpflichtungen nicht beendet werden, ist meiner Ansicht nach nicht vertretbar. Für das vergangene Jahr haben die deutschen Bundesländer an Staatsleistungen etwa 602 Millionen Euro allein für die katholischen und evangelischen Kirchen in Deutschland locker gemacht.

Es mag sein, dass es irgendwann ein wirkliches Umdenken in der Institution Kirche gibt, dass gepredigte Nächstenliebe, Gerechtigkeitssinn und Wahrheit einen größeren Stellenwert einnehmen, als es bisher der Fall war. Wer‘s glaubt, wird selig!

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